.

Sinn finden – im Werden, Sein, Vergehen
Volker Bagdahn, Pastor im Ruhestand, Gestaltpsychotherapeut:

Schon in ihrer Ankündigung der Veranstaltung hatte die Vorsitzende Brigitte Maas einen hochkarätigen Abend versprochen, an dem Volker Bagdahn – übrigens auch Gründungsmitglied der Hospizinitiative – die Zuhörer in interessante Fragestellungen führen würde.

So machte der Referent auch sofort zu Beginn seiner Ausführungen deutlich, wo er eine Grenze zwischen Sinn und Unsinn in der heutigen Welt sieht, indem er ein soeben aus dem Fundus der Bücherei gegriffenes Buch mit dem Titel „Günter hat sein Frühstücksbrot fotografiert..." präsentierte und solches Tun dann doch eher dem Unsinn zuordnete.

Sinn erhalte unser Leben zunächst einmal dadurch, dass wir alle in vorhandene Sinnstrukturen hineingeboren werden. Diese werden sehr oft durch die Familie vorgegeben und betreffen vor allem das tägliche Leben. So habe er selbst als Kind der Nachkriegsgeneration gelernt, dass es sinnvoll sei, Vorräte für den Winter im Keller anzulegen – weshalb er im Gegensatz zu den meisten heutigen Bauherren einen Keller weiterhin für sinnvoll halte.

Auch der übliche Tagesablauf und gebräuchliche Redewendungen (Siehst Du schneidig aus! Hocke nicht in der Stube! Hast du nichts zu tun?) seien in diesen Sinnstrukturen enthalten.

Um nun seinem Leben selbst individuell einen Sinn zu geben, sei deshalb „Eigensinn" im positiven Wortsinn erforderlich. Diesen Eigensinn müsse man -logischerweise- außerhalb der meist von Familie und Schule vorgegebenen Sinnstrukturen finden. Er selbst habe hier in seiner Jugend sehr stark von der Mitarbeit in der kirchlichen Jugendgruppe profitiert, die ihm neue Perspektiven eröffnet habe.

Hermann Hesse nennt den Eigensinn die einzige Tugend, die er liebt. Von den anderen Tugenden hält der weltberühmte Schriftsteller nicht viel. Hermann Hesse nennt den Grund dafür: „Und doch könnte man alle die vielen Tugenden, die der Mensch sich erfunden hat, mit einem einzigen Namen umfassen. Tugend ist: Gehorsam." Es stellt sich nur die Frage, wem der Mensch gehorchen soll. Denn selbst der Eigensinn ist für Hermann Hesse, der 1946 den Nobelpreis für Literatur erhielt, nichts anderes als Gehorsamkeit. Der Eigensinn gehorcht allerdings einem anderen Gesetz, einem einzigen, unbedingt heiligen, dem Gesetz in sich selbst, dem Gesetz des Eigenen, während alle anderen menschlichen Tugenden Gehorsam gegenüber Gesetzen sind, die von anderen Menschen erlassen wurden.

Volker Bagdahn macht deutlich, dass man den Sinn des eigenen Lebens durch Suchen, Kämpfen und Abgrenzen bestimmt. Es sei wichtig, „auf dem Kutschbock des Lebens" zu sein, die Zügel also selbst in die Hand zu nehmen, statt „unter die Räder zu kommen".

Wir sehnen uns nach einem Sinn für unser Leben. Dieser Sinn fällt uns nicht zu, wir müssen ihn selbst erkennen. Ein Lebenssinn bringt Sicherheit und schützt vor Chaosängsten. Sogar im KZ hätten Diejenigen bessere Überlebenschancen gehabt, die in ihrer Situation einen Sinn gefunden hatten.

Ein Sinn im Leben, einmal erkannt, sei allerdings keine Endstation, sondern gebe lediglich die Richtung des eigenen Strebens vor. Man bleibe immer unterwegs, Sinnfindung ist Bewegung.

Unterwegs sei man auch beim Pilgern. Pilgern sei ein sowohl sehr alter als auch ein moderner Weg, Sinn im eigenen Leben zu erkennen durch die Begegnung mit sich selbst.

Wissenschaftlich betrachtet gebe es fünf Pilgertypen:
1. die Lebensbilanzierer
2. die Krisenbewältiger
3. die Auszeitnehmer
4. die Übergangspilger
5. die Neustarter.

Gemeinsam sei diesen fünf Typen, dass sie einen Wendepunkt im Leben erreichen und wenn möglich den „alten Sinn" des Lebens in einen neuen eintauschen wollen.

Durch die körperliche Herausforderung fehle den Pilgern weitgehend die Energie, sich zu verstellen. Die eigene Festplatte werde geordnet und Altes wird mehr oder weniger gelöscht, man werde bereit für Neues.

Spirituell betrachtet nehme man auf diese (auch innere) Entdeckungsreise genau wie im Rucksack auch im Bewusstsein nur das Wichtigste mit, die Aufmerksamkeit für das Wesentliche wachse, auch, weil im Schritttempo Dinge deutlicher wahrgenommen werden. Man fühle sich als Teil eines größeren Ganzen. Körperliche Bewegung werde in geistige transformiert.

Wie quasi im umgekehrten Fall geistige Beweglichkeit fehlende körperliche Beweglichkeit ausgleichen oder hier sogar ganz und gar ersetzen kann schildert Volker Bagdahn am Beispiel der Amerikanerin Martha Mason, die nach einer Kinderlähmungserkrankung über 60 Jahre in einer sogenannten eisernen Lunge verbracht hat bis sie 2009 gestorben ist. Als Elfjährige wurde sie an den 400 Kilogramm schweren Apparat angeschlossen. Für ihren Körper gab es kein Entkommen. Doch ihren Geist konnte sie befreien. Marthas Besucher kamen aus dem 400-Seelen-Ort Lattimore und nach Erscheinen ihrer Autobiografie „Breath" (2005) aus aller Herren Länder. „Sie engagierte sich für jeden. Sie machte Mut, wollte immer wissen, was man als Nächstes vorhatte. Sie bereicherte, statt Bereicherung zu erwarten." Zwei über viele Jahre treue Pflegerinnen, Ginger Justice und Melissa Boheler, waren ihre Gliedmaßen und engsten Freunde. Sie wuschen und windelten und wendeten Martha wie ihr Baby. Einer von ihnen brachte Martha, die Wundertätige, Lesen und Schreiben bei. Martha war ein Märchen. Weil sie den leichtfertig Gesunden, die nicht feiern, dass sie gehen können, Mut gab. Und sie beschämte, weil sie sie den aufrechten Gang lehrte und Lachen über das Leben.

Allerdings gibt es auch Situationen im Leben eines Menschen, in denen er nicht in der Lage ist, einen Lebenssinn zu erkennen. Am stärksten trifft dies beim Verlust des Partners zu. Die Frage nach dem Sinn dieser Situation lasse sich nicht beantworten. Auf dem Kutschbock des Lebens entgleiten zunächst die Zügel.

Als letztes Beispiel eines Menschen, der durch eine Sinnkrise seinem Leben einen neuen Sinn gegeben hat, nennt Volker Bagdahn schließlich Lew Tolstoi. Zeitgleich mit der Zeit seiner größten Anerkennung begann für Tolstoi eine Phase der Orientierungslosigkeit. Er fühlte sich „am Abgrund angelangt". Als Beteiligter an der Volkszählung im Jahr 1882 in Moskau nahm er unter den Arbeitern ein Elend wahr, das jenes der Bauern noch übertraf. Tief erschüttert versuchte er der Landflucht entgegenzuwirken, indem er Hilfe für von Missernten betroffene Bauern organisierte. Seine Sinnsuche erstreckte sich auf immer weitere Bereiche. So verzichtete er auf Rauchen, Alkohol und die Jagd („grausame Vergnügungen"). Er ernährte sich vegetarisch und erklärte, der Mensch müsse die Fleischnahrung aufgeben, wenn er sich moralisch weiterentwickeln wolle. Sein Vegetarismus hatte auch eine sozialkritische Komponente: Er fand es unerträglich, dass im Herrenhaus viel Mühe auf exquisite, raffinierte Speisen verwandt wurde, während ringsum bittere Armut und periodisch immer wieder Hunger herrschten.

Zum Abschluss geht Volker Bagdahn kurz auf seine eigene Biografie ein. In seiner Arbeit als Pastor habe er schnell den Wunsch verspürt, sich konzentrierter seiner Arbeit und den einzelnen Gemeindemitgliedern widmen zu können. Er habe deshalb – trotz des entschiedenen Unverständnisses seiner Vorgesetzten – um eine halbe Pastorenstelle gebeten, die er dann in Gnissau erhalten habe.

Zusammenfassend macht Volker Bagdahn deutlich, dass ein Lebenssinn im Beruf oder auch in anderen Tätigkeiten zu finden sei, zum Beispiel in einer Mitarbeit in der Hospizinitiative. Am meisten Freude und Erfüllung spüre man dann, wenn man durch die Kraft der großen Sache mit anderen zusammen Ziele erreiche.

Detlev Seibler

Dieser Artikel wurde bereits 189 mal angesehen.

Powered by Papoo 2012
27578 Besucher